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Neuer Lernladen im Bildungsgang Einzelhandel

Wenn der Einkauf zum Hindernislauf wird

Schüler im Lernladen

 

Einkaufen soll angenehm und bequem sein, auch für Menschen mit Behinderung, die sich zu Recht wünschen, als Kundinnen und Kunden ernst genommen zu werden. Sie wollen ein selbstbestimmtes Leben führen, und dazu gehört eben auch das Einkaufen - ohne Barrieren, ohne Gefahrenstellen, mit gut lesbaren Preisauszeichnungen und Ausschilderungen und vor allem mit Personal, das geschult ist im Umgang mit Menschen mit Behinderungen, und sensibel auf die Bedürfnisse seiner jeweiligen Kunden eingehen kann.

 

Das zentrale Element auf dem Weg zur Inklusion im Einzelhandel, zur Barrierefreiheit für den Kunden, ist die Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ein erster Schritt ist die aktive Auseinandersetzung mit den möglichen Bedürfnissen und Beeinträchtigungen der Kunden mit Handicap, mit denen jeder Einzelhändler tagtäglich konfrontiert wird.

 

Das zentrale Element der Vorbereitung von zukünftigen Verkäufern und Kaufleuten im Einzelhandel ist das Schaffen von Verständnis für Kunden in einer besonderen Lebenssituation, damit man in der konkreten Situation sensibel reagieren kann. Genau das ist das Ziel eines bisher bundesweit einmaligen Projekts: In Zusammenarbeit mit dem Verein Europäisches Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit (EUKOBA) aus Linnich im Kreis Düren hat das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der StädteRegion Aachen einen „Lernladen“ eingerichtet. Die Räumlichkeiten werden vom Schulträger, der StädteRegion Aachen, zur Verfügung gestellt. Die Ladeneinrichtung hat die REWE Group Deutschland übernommen, die sich mit Engagement und großem Interesse am Projekt beteiligt. Die Projektmittel hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bereitgestellt.tl_files/images/content/news/lernladen_bwv_2.jpg

 

Der „Lernladen“ wird am Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung von Eva Stelzer, Leiterin des Bildungsgangs Einzelhandel, und ihrem Stellvertreter, Christoph Berg, koordiniert. Das Berufskolleg versteht sich in diesem Projekt als Partner für die Entwicklung von nachhaltigen Konzepten für Schulungsmodule im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion. Die Nutzung des Lernladens ist in das Bildungsprogramm des Bildungsgangs Einzelhandel integriert. In den entsprechenden Lernsituationen können klassische Verkaufssituationen simuliert werden, die typisch für den Alltag eines Menschen mit Handicap sind. Mit Hilfe von raffiniert ausgeklügelten Geräten können Krankheiten (diverse Sehstörungen, Alterssteifheit der Gelenke, Tremor, Hörprobleme, Gleichgewichtsstörungen und vieles mehr) simuliert werden, die die Auszubildenden nachempfinden lassen, wie sich ein von diesen Beeinträchtigungen Betroffener in der Realität fühlt und wo seine Probleme beim Einkaufen liegen. So lernen die Auszubildenden im Lernladen, die Bedürfnisse der Kunden mit unterschiedlichen Behinderungen zu erkennen und gezielt Hilfen anzubieten - ein wesentlicher Schritt in Richtung Gleichstellung von Menschen mit Behinderung im täglichen Leben.

 

Neben der Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gilt es einen weiteren Aspekt in den Blick zu nehmen: Der Einzelhandel muss den Laden barrierefrei und inklusiv einrichten. Im Rahmen des Unterrichts am Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung erhalten die Auszubildenden die Möglichkeit, Ideen für eine barrierefreie Shop-Gestaltung einzubringen und zu erproben.

 

Inklusion, Partizipation, Barrierefreiheit gehen alle an und beginnen im Kopf. Behinderungen sind keine Normabweichungen oder Stigmatisierungen. Die Zielvorstellung „Inklusive Gesellschaft“ fordert, Strukturen neu zu gestalten, Prozesse und Praktiken zu verändern, räumliche, technische und kommunikative Barrieren abzubauen, aber auch Rechte zu gewährleisten, indem Mitwirkung, Mitbestimmung und Selbstvertretung ermöglicht werden, vor allem aber im ersten Schritt einen Bewusstseinswandel herbeizuführen.

 

Das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung stellt christliche Werte, das Miteinander in einer europäischen Gemeinschaft, ein Leben in einer Gesellschaft mit Respekt und Wertschätzung, mit Vielfalt, aber auch mit Individualität und gleichzeitig mit der Verantwortung für andere in den Mittelpunkt der Bildungsarbeit. Inklusion ist deshalb eine große Herausforderung, der sich gerade auch die Schule stellen muss. Wir alle müssen Inklusion jedoch erst noch lernen. Deshalb sind die Kolleginnen und Kollegen auch stolz und glücklich darüber, dass das Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung nun über diesen Lernladen verfügt und Schulungen unter der kompetenten Leitung von Herrn Dohmen anbieten kann.

 

tl_files/images/content/news/lernladen_bwv_3.jpgAm 04. Mai 2016 wurde der Lernladen in einer Feierstunde eingeweiht. Die Eröffnung erfolgte durch die Schirmherrin des Projekts, Ulla Schmidt, MdB und Bundestags-Vizepräsidentin. Thomas Döring, Schulleiter des Berufskollegs für Wirtschaft und Verwaltung, konnte gemeinsam mit Patrick Dohmen, Vorsitzender von EUKOBA e. V., weitere Gäste begrüßen, so Dr. Rolf Schmachtenberg, zuständiger Abteilungsleiter im Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Elisabeth Paul, Stellvertretende Städteregionsrätin und Vorsitzende des Ausschusses für Schule und Bildung des Städteregionstages sowie weitere Vertreter aus Verwaltung und Politik der StädteRegion Aachen. Dem Festakt wohnten außerdem Vertreter der Rewe-Gruppe und verschiedener Verbände und Kammern bei.

 

Der Lernladen soll allen Interessierten (Berufskollegs, Vereinen, Kammern, Maßnahmen) zu Ausbildungszwecken zur Verfügung stehen. Die Organisation erfolgt über Herrn Patrick Dohmen, Vorsitzender von EUKOBA e. V. (buero@eukoba.com).

 

Text und Fotos: Eva Stelzer, Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung der StädteRegion Aachen

 

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